erstellt am: 7. April 2014 / Breitensport

1914 – Der Kaiser kam nicht…

1914 – Der Kaiser kam nicht…
Jubiläum oder nicht?

Alle reden von 1914. Alle schreiben über die Ursachen und den Beginn des Ersten Weltkrieges, über die Opfer, über seine Folgen. Die lesende Menschheit hat ein neues historisch-literarisches Thema.

Und niemand denkt an die Segler. Für Hamburgs Segler und Motorbootsportler (ja, die gab es vor 100 Jahren auch schon) war der Saisonbeginn des in die Geschichte eingegangenen Jahres ebenso bedeutend: Sie bekamen einen eigenen Hamburger Yachthafen – damals noch mit J geschrieben.

Wir schreiben also das Schicksalsjahr 1914. Kein Mensch glaubt zu dessen Beginn an einen langen Krieg oder gar dessen Ende mit einer Niederlage. Im Gegenteil: Viele erhoffen eine Wiederholung „des unvergleichlichen Jahres, in dem unsere Gegenwart begann und nach dem „nichts mehr war wie es vorher war“, wie Florian Illies es in seinem Bestseller „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ beschreibt.

Nun sind drei Monate des Jahres 1914 ins Land oder ins Wasser gezogen. Auf Waltershof liegt ein von Schumacherbauten umsäumter nagelneuer Hafen. Ein Yachthafen! Es liegen Schlengel und Bojen aus – aber Stille herrscht noch, denn niemand fährt hinein. Es fehlt noch etwas. Ach ja, die förmliche Eröffnung, die festliche Einweihung des im Rahmen der Hafenerweiterung nach Westen als abschließender Punkt von einem hohen Senat den Hamburger Seglern, genauer dem Norddeutschen Regatta Verein „und den ihm verbundenen Segelvereinen“ (also noch nicht den Altonaer!) aus Staatsmitteln spendierten Hafens für „Lustfahrzeuge“. Die Taufe sollte natürlich durch seine Majestät Kaiser Wilhelm II. anlässlich eines Hamburgbesuchs höchstselbst vollzogen werden.

Es ist nicht mehr festzustellen, warum diese Einweihung unterblieb. War der Hafen noch nicht ganz fertig? Vielleicht hatten seine Majestät auch einen zu engen Terminkalender oder der mit Magnifizenz anzuredende Erste Bürgermeister und Kommodore des NRV O’swald die Frühjahrsgrippe. Schließlich musste der segelbegeisterte Monarch noch rechtzeitig seinen neu erbauten Riesenschoner „Meteor V“ abnehmen, um damit im Juni auf der Kieler Woche zu glänzen und zu siegen, um anschließend trotz Kriegsdrohung schnell noch eine Nordlandfahrt mit der „Hohenzollern“ zu unternehmen. So viele angenehme Termine – und dann dieser Krieg!

Der Grund für die Verzögerung war wohl einfach die Tatsache, dass der Hafen zwar fertig, aber das Seglerheim, wie das schöne Clubhaus aus der Feder Fritz Schumachers noch bescheiden hieß, noch nicht. Und wo sollten nach dem Genuss von reichlich Schampus all die fein gewandeten Damen… denn wo kein Clubhaus ist gibt’s auch keine Toiletten! Der Bau des Hauses sollte erst erst im September 1914 beginnen. Und da war Krieg, Willem Zwo hatte andere Sorgen und die jungen Segler kämpften an mehreren Fronten. Fertig gestellt wurde das Haus erst 1919.

Also keine Einweihung, aber eine Inbetriebnahme, wenn nicht von „allerhöchster Huld begleitet“, dann eben einfach inoffiziell. Wie das? Vor mir liegt ein altes Logbuch meines Onkels Hans Schaper (1888 – 1953). Er war mit seinen zahlreichen Yachten die alle „Welle“ hießen, ein leidenschaftlicher und schon bekannter Segler. Der Sohn wohlhabender an der Alster wohnender Eltern wurde früh Mitglied des NRV. Dazu wurde er Mitglied des Segel Club Eckernförde und des Kaiserlichen Yacht-Clubs als er 1908, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder, meinem Vater Jürgen F. Schaper (1891-1969), auch noch in die Segler-Vereinigung Altona-Oevelgönne eintrat. Der Grund war ein Bojenplatz auf der Oevelgönner Reede, der den Brüdern durch Vermeidung der mühevollen Arbeit des Schleusens aus der Alster die Startmöglichkeiten mit ihren ansehnlichen aber motorlosen Segelyachten erheblich verbesserte. „Noch besser wär’s im neuen Yachthafen“ dachte sich Hans Schaper sechs Jahre später nach Anschaffung einer größeren Yacht und lief einfach ein.
In seinem vor hundert Jahren geführten Original-Logbuch befindet sich zum Jahresbeginn 1914 fein handschriftlich ein Hinweis mit Tinte in sauberer deutscher Schreibschrift. Da diese nicht mehr alle lesen können, hier noch einmal der Text: „Auf der Krögerschen Werft wurde die „Welle III“ gründlich nachgesehen, alte schlechte Hölzer durch neue ersetzt, so daß sie am Mittwoch, den 1. April, in allen Teilen sauber und solide, zu Wasser gebracht werden konnte. Am 4. April brachten wir die „‚Welle“ zum neu erbauten Yachthafen bei Finkenwärder, in den sie als e r s t e s Lustfahrzeug einzog!

Das respektable Schiff „Welle III“ war 1883 auf der Werft von Junge in Wewelsfleth als Fischeraufsichtsfahrzeug „Nordfriesland“ für die preußische Regierung gebaut worden. Nachdem der Staat seinen Dienst durch Anschaffung eines Dampfschiffs modernisiert hatte, kaufte mein Onkel kurz vor dem ersten Weltkrieg in Borby (heute Eckernförde) das 11 Registertonnen große, 14 m lange und 4 m breite motorlose Fahrzeug mit 130 qm Gaffelsegel, um damit größere Touren auf See zu segeln. Nach dem Logbuch blieb es 1914 bei einer mehrwöchigen Ostseereise nach Kopenhagen, bevor auch er im August für vier Jahre den grauen Rock tragen musste.

Nach der „Welle“ haben im Laufe des Krieges noch zahlreiche weitere NRV-Yachten in dem so prosaisch selbst eröffneten Hafen festgemacht. So heißt es in der Jubiläumsschrift aus Anlass des 50-jährigen Besehens des NRV 1918: „1915. Der neue Yachthafen wurde provisorisch in Betrieb genommen. Einige Kreuzeryachten nahmen daselbst Liegeplatz“. Und „1916 genehmigte die Deputation für Handel, Schiffahrt und Gewerbe die Vorschriften für die Benutzung des Yachthafens. Natürlich sind schon vor Fertigstellung des Seglerheims geordnete Zustände im Yachthafen geschaffen worden. Die kleinen Yachten und Jollen haben sich bis in en Herbst hinein dem Segeln auf unserem an Schönheiten so reichen Elbstrom hingegeben“. Im Jahrbuch 1919 des NRV heißt auf Seite 18 dazu ergänzend: „Im Yachthafen hat sich ein lebhafter Betrieb entwickelt. Trotz der Kriegszeiten haben 80 Yachten dort geankert, und wir hoffen, daß das Seglerheim, das äußerlich fertiggestellt ist, seiner eigentlichen Bestimmung bald wird übergeben werden können.“

Ist der Hafen jetzt also 100 Jahre alt geworden oder nicht? Ich denke, wir sollten mit dem offiziellen Jubiläum noch zwei Jahre warten, bis uns der Jahrestag der Genehmigung durch die Wirtschafts-Deputation einen solideren Grund zum Feiern gibt.

Bedenken gegen das Jubiläum? Ich hätte keine. Unser Yachthafen ist zwar nicht mehr an derselben Stelle, aber auch durch den Umzug der Yachten in einen neuen Hafen bei Wedel 1961 ist es „der“ Hamburger Yachthafen geblieben. Ein Mensch wird ja durch seinen Umzug auch nicht ein anderer.

(Anm. Die Zitate sind in der damaligen Schreibweise belassen).

Jürgen Schaper